Think big, not BIG

Wer einen Leuchtturm errichten will, der darf ihn nicht vor der Eröffnung sprengen.

Zeit, 7. 2. 2013

Berlin spielt wieder in der ersten Liga der Medizin. Zwei der weltweit wichtigsten medizinischen Institutionen sollen jetzt zusammenkommen, die Charité als größtes Universitätsklinikum in Deutschland und das international hoch angesehene Max-Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört. Die Mediziner versprechen sich durch die Nähe von Labor und Klinik schnellere Fortschritte, die Politik eine Überwindung unsinniger föderaler Denkgrenzen zwischen den Landes-Forschern an der Charité und den Bundes-Wissenschaftlern am Max-Delbrück-Zentrum.

So beherzt der Zusammenschluss zu diesem Leuchtturm der Gesundheitsforschung ist, so ungesund ist die Namenswahl. Die Akteure haben sich unter allen möglichen Varianten für die mit Abstand schlechteste entschieden: B.I.G. soll auf dem Leuchtturm stehen, als Abkürzung für Berliner Institut für Gesundheitsforschung, entfernt erinnernd an die National Institutes of Health (NIH) der USA.

Wie wird bei anderen Fusionen das Benennungssproblem gelöst? Ein immer häufiger gewählter Weg ist ein neuer Name, der alle anderen Bezeichnungen ablöst – in der Wirtschaft von Eon, Evonik oder Novartis bekannt. Das ist dann klug, wenn ein harter Schnitt vermittelt, wenn ein lädierter Ruf abgestreift oder eine profilschwache Bezeichnung abgelegt werden soll. Die Leuphana in Lüneburg und das Karlsruher K.I.T. (angelehnt an das MIT, das Massachussetts Institute of Technology) sind diesen Weg gegangen.

In Berlin will man das halbherzig nachmachen: Das Dachgebilde, gewissermaßen die Holding, soll den Namen B.I.G. bekommen, Klinikum und Forschungszentrum sollen ihre Bezeichnungen behalten. Solche neutrale Holdings wählt man in der Wirtschaft, wenn man – wie bei Arcandor – die Zusammengehörigkeit der Einzelteile verstecken will. Quelle, Karstadt, Neckermann und Thomas Cook sollten als nicht zusammengehörig wahrgenommen werden – und einzeln veräußerbar sein.

In der Welt der Wissenschaft ist dieser Weg aber unvernünftig, weil er das Grundgesetz wissenschaftlicher Reputationsproduktion schlicht ignoriert. Forscher ermitteln ihren Ruf in zahllosen Ranglisten. Drittmittel, Veröffentlichungen und Zitate werden nach umkämpften Schlüsseln bewertet und addiert. Die B.I.G.-Lösung wird Berlin in den Ranglisten klein machen, die beiden Zentren würden getrennt gelistet, der neue Leuchtturm noch vor der Eröffnung in zwei Teile gesprengt.

Die Berliner Forscher sollten sich deshalb lieber an anderen Namensmodellen orientieren: dem Doppelnamen, der wie bei Thyssen-Krupp, GlaxoSmithKline oder Bosch-Siemens-Hausgeräte die Augenhöhe der Partner betont – auch wenn der Sprachgebrauch seine eigene Logik hat und oft der hintere Teil verloren geht– wie bei Siemens und Halske, Daimler-Benz (respektive -Chrysler), oder Bayer-Schering.

Für die Berliner Wissenschaftlerfusion drängt sich deshalb ein gemeinsamer Familienname auf. Der bekannteste Name bezeichnet das Ganze, und die Familienmitglieder machen die Zusammengehörigkeit individuell deutlich. Die BMW Group und die Volkswagen AG sind diesen Weg gegangen – und lassen zugleich Rolls Royce, Mini, Audi und Porsche wirken. Auch die Charité ist einmal diesen Weg gegangen: Nach dem Fall der Mauer lieh die Charité aus Mitte ihren Namen den beiden qualitativ höher bewerteten West-Berliner Universitätskliniken Rudolf-Virchow und Benjamin-Franklin. Heute haben sie gemeinsam guten Klang. Und die Max-Planck-Gesellschaft überwölbt alle ihre Institute, selbst wenn sie zuvor nach Fritz Haber oder Albert Einstein benannt worden waren. Nach diesem Modell könnte die »Charité Gemeinschaft Berlin« das »Charité Universitätsklinikum« und das »Max-Delbrück-Centrum der Charité« gemeinsam leuchten lassen. Das ist nicht B.I.G. – aber big.

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